Imaginary Friends

Man kann nicht etwas fotografieren, was es gar nicht gibt. Es gibt keine Hexen, keine Geister, keine Heinzelmännchen und keine Wassermänner. Was es gibt, sind Geschichten, die sich über Generationen gehalten haben und als immaterielles Kulturerbe in einer Region existieren, ohne je einen Wahrheitsanspruch erhoben zu haben.

Imaginary Friends versucht nicht, diese Geschichten und ihre Figuren zu beweisen oder zu illustrieren, sondern sie nur anzudeuten. Denn Fotografie kann nichts abbilden, das nie vor der Kamera war und nur im Weitersagen existiert. Aber man könnte jenen Raum in unserer Vorstellung sichtbar machen, in dem sich diese Figuren bewegen.

Grundlage dieser Serie war eine Literaturrecherche zu den Lokalsagen von Eisenerz: Geschichten, die über Generationen weitergegeben wurden und eine klare Aufgabe hatten: Sie warnten vor den realen Gefahren einer Region, die vom Bergbau und von einer oft unwirtlichen Natur geprägt ist. Sie erklärten den Eisenerzer:innen das Unerklärliche und gaben den Menschen Regeln in die Hand, mit denen sie sich in ihrer Landschaft zurechtfinden konnten. Heute haben sich die Gefahren verändert, die Erzählungen selbst aber sind als Folklore und Teil einer Identität geblieben, die sich, wie die Region selbst, im Wandel befindet.

Auch wenn niemand jemals einer dieser Figuren je begegnet ist, sind wir uns erstaunlich einig darüber, wie sie aussehen und wie sie sein könnten. Diese Übereinkunft beruht nicht auf eigener Erfahrung, sondern entstand aus alten Bildwelten und einer beschreibenden Sprache in der Literatur, die sich über lange Zeit gegenseitig zitierten und verstärkten – bis aus wiederholten Darstellungen schließlich etwas wurde, das sich wie Wissen anfühlte.

Welches Bild dabei auf welche Gestalt genau verweist, bleibt bewusst offen. Diese Zuordnung darf bei jeder Betrachterin und jedem Betrachter wieder neu und individuell ausfallen.

Ausstellungsansichten